Was IT-Experten von hyperkonvergenten Systemen halten

am 18. April 2018
Sind hyperkonvergente Systeme (HCI) die Technologie von morgen, intelligente Ergänzung oder doch nur heiße Luft? Wie bei neuen Technologien üblich diskutieren Fachleute aktuell noch, ob und in welchen Bereichen HCI sinnvoll einsetzbar sind. Erfahren Sie in unserem Marktbericht, wie Anwender, Anbieter und Analysten das Potenzial von HCI einschätzen.

Um zu sehen, dass HCI mehr als ein Hype ist, reicht eigentlich ein Blick auf die Prognosen der Marktforscher. Unisono rechnen sie mit einem deutlichen Anstieg der Verkaufszahlen für hyperkonvergente Systeme in den kommenden Jahren. Denn dass die traditionellen IT-Landschaften den zunehmenden Anforderungen der Digitalen Transformation nicht gewachsen sind, ist unter IT-Experten unumstritten.

Dabei stehen auch die klassischen RZ-Architekturkonzepte auf dem Prüfstand. Für Maximilian Hille, Analyst bei Crisp-Research, steht außer Frage, dass die Modernisierung der Rechenzentren über einen linearen Ausbau der bestehenden Infrastrukturen hinausgehen müsse: "Der ständige Ausbau der Architektur-Landschaft um neue 'alte' Komponenten erscheint vor dem Hintergrund ständig steigender dynamischer Workloads nicht sinnvoll."

Dadurch würden nicht nur neue Insellösungen und Silos geschaffen, sondern mit der zunehmenden Verteilung einzelner Infrastruktur-Komponenten wie Server, Storage und Netzwerk würde auch die Administration der Komponenten zur Herkulesaufgabe. "Webscale IT beziehungsweise hyperkonvergente Infrastrukturen sind eine Antwort auf die Frage nach skalierbaren, flexiblen und leistungsfähigen Systemen", sagt Analyst Hille.

Sorgfältige Planung um Kostenexplosion zu vermeiden

Dass HCI die klassischen IT-Architekturen gänzlich verdrängen werden, ist dennoch nicht zu erwarten: "Selbstverständlich hat Hyperkonvergenz Vorteile, etwa für Bereiche, die neu aufgebaut werden und wo man keine doppelten Betriebsaufwände durch die fehlende 'Legacy' hätte oder für Rechenzentren in Modulbauweise beziehungsweise Microspace", sagt Volkan Yilmaz, Senior Manager IT bei Sky Deutschland.

In bestehenden Umgebungen mit etablierten Betriebsprozessen hingegen würden HCI nur weitere Betriebsaufwände und Kosten verursachen. "In solchen Umgebungen wird es sicherlich noch einige Zeit dauern, bis man damit tatsächlich Kosten sparen kann", vermutet Manager Yilmaz. Er weist auch darauf hin, dass in vielen Fällen Cloud-Services besser geeignet seien und kosteneffizienter betrieben werden könnten als eigene IT-Systeme.

Ähnlich schätzt Michael Aschenbrenner, Datacenter Manager bei der HypoVereinsbank die Situation ein: "Sicherlich haben HCI in bestimmten Bereichen ihre Anwendungsfälle, aber meiner Erfahrung nach, geht die Branche tendenziell in eine Richtung des Outsourcing, in dem die einzelnen Interessen oft gegensätzlich laufen." Er mahnt vor allem zu sorgfältiger Planung: "Der Betrieb der Infrastruktur kann nicht nur die Kosten in die Höhe treiben, sondern auch zum Wachstumshemmer werden, wenn am Bedarf vorbei geplant wird."

Duale Strategie als Mittel gegen Vendor Lock-in

Ralf Cordes, Geschäftsführer bei ITM (Gesellschaft für IT Management) weist auf die Gefahr hin, sich von einzelnen Anbietern abhängig zu machen "Sicherlich kann ich mit HCI geschickt mehr Kosteneffizienz in meine Prozesse bekommen." Um aber einen Vendor Lock-in zu vermeiden, müsse man eine duale oder sogar hochgradigere Sourcing-Strategie fahren, "was dann wieder zu Lasten der Kosteneffizienz im Betrieb geht."

Das Problem sieht auch Jaroslaw Szkurlat, Infrastructure & Storage Architect bei der Daimler AG - und erklärt, wie er es löst: "Ein Vendor Lock-in lässt sich bei hyperkonvergenten Plattformen verhindern, indem man bei der Wahl des Hypervisors nicht auf proprietäre Lösungen setzt und stattdessen unabhängige Hypervisoren wie Hyper-V oder VMware wählt."

Art der Workloads entscheidet über RZ-Architektur

Er sieht HCI vor allem als Ergänzung zu den traditionellen Infrastruktur-Architekturen aus Storage- und Server-Komponenten. "Es gibt weiterhin Use-Cases, für die HCI nicht die erste Wahl ist, wie etwas SAP-HANA oder Datenbanksysteme, sagt Szkurlat, "aber HCI eignen sich sehr gut für VDI oder Web-based Applikationen, zum Beispiel basierend auf Container Architekturen."

Dass HCI nicht immer und in jedem Fall die beste Lösung ist, sondern die Art der Workloads darüber entscheidet, ob ihr Einsatz Sinn macht, bestätigt auch Michael Homborg, Category Manager PRIMEFLEX Integrated Systems Central Europe beim Hardware-Hersteller Fujitsu: "Anwender, die nicht mindestens 30 bis 40 Prozent ihrer Workloads Cloud-hybrid betreiben müssen, sondern bis auf periodische Ausnahmen alles im eigenen Rechenzentrum verarbeiten können, sind mit klassischen Architekturen oft kostengünstiger unterwegs", sagt der Fujitsu-Experte.

Auch in der IT führen viele Wege nach Rom

Analyst Hille von Crisp Research geht allerdings davon aus, dass die Workloads sich künftig stark verändern werden: "Durch die Digitalisierung der Geschäftsprozesse und Geschäftsmodelle in nahezu allen Branchen und Wertschöpfungsbereichen, verändert sich auch die Zusammensetzung der Workloads in den Unternehmensrechenzentren." Bisher aber sei der Betrieb von Rechenzentren und IT-Infrastrukturen vor allem darauf ausgelegt, die Kernanwendung der Unternehmens-IT standardisiert, stabil und sicher zu betreiben. "Zukünftig müssen sich CIOs und RZ-Leiter aber auf eine neue Generation digitaler Anwendungen mit dynamischeren Workloads einstellen", sagt der Analyst.

Vor diesem Hintergrund spielten hyperkonvergente Systeme und Software definierte Infrastrukturen ihre Vorteile aus. "Für alle IT Organisationen, die sich heute intern wie extern als 'Managed Service Provider' aufstellen wollen, ist eine grundlegend Software-defined-Data-Center-Lösung ohne Zweifel die beste Wahl", sagt Infrastruktur-Experte Homborg. Und er betont, dass es hier kein reines Schwarz oder Weiß gibt und Unternehmen in aller Regel ihre IT-Infrastrukturen nicht auf einen Schlag, sondern sukzessive ausbauen und modernisieren. "Mit Hyper-Converged- und den damit einhergehenden 'Web-Scale'-Infrastrukturen führen nun noch ein paar mehr Wege nach Rom", sagt der Fujitsu-Manager.