Hyperkonvergente Systeme kauft man nicht auf Vorrat

am 01. März 2018
Früher war das Aufrüsten des Rechenzentrums vergleichsweise einfach: Es ging um Server, Speicher und Netzwerkkomponenten unterschiedlicher Leistungsklassen und Kapazitäten. Das hat sich radikal verändert. Heute können die IT-Verantwortlichen unter einer Vielzahl von klassischen IT-Komponenten, integrierten, konvergenten und hyperkonvergenten Systemen für spezielle Einsatzbereiche wählen.

Begriffe wie "Software Defined Data Center" oder "Composable Infrastructure" bestimmen die Diskussion um die Zukunft des Rechenzentrums - stiften aber mancherorts eher Verwirrung, als dass sie einen klaren Pfad für die RZ-Planung vorzeichnen. Michael Homborg, Infrastrukturexperte bei Fujitsu erklärt im Interview, worum es bei den modernen IT-Systemen geht und wie IT-Verantwortliche sie einsetzen können, um ihre IT-Landschaften zu flexibilisieren und sie für die wachsenden Anforderungen durch die digitale Transformation fit zu machen.

Bei Analysten und IT-Auguren ist in jüngster Zeit immer öfter die Rede von Hyper Converged, Composable oder Software Defined Infrastructure - handelt es sich dabei um reale Entwicklungen in der RZ-Architektur oder sind das nur Schlagworte?

Michael Homborg: Nein, das sind keine Schlagworte, sondern intelligente Konzepte, um die IT-Infrastruktur dynamischer zu machen und so die Grundlagen für ein agileres Business zu schaffen.

Heißt das, dass RZ-Verantwortliche, die jetzt noch klassische Architekturen für ihr Rechenzentrum einkaufen, den Zug der Zeit nicht erkennen?

Michael Homborg: Nein, keinesfalls. Wir werden noch auf viele Jahre hinaus ein Nebeneinander unterschiedlicher Infrastrukturen im Rechenzentrum haben. Also klassische, konvergente und hyperkonvergente Systeme. Denn kein Unternehmen plant sein RZ auf der grünen Wiese - außer vielleicht Startups, und die entscheiden sich oft gleich ganz gegen ein eigenes RZ und setzen auf Cloud-Lösungen beziehungsweise hyperkonvergente Systeme. Alle anderen haben gewachsene IT-Architekturen, die sich nicht einfach so austauschen lassen - und das würde oftmals auch keinen Sinn machen.

Sind denn die neuen hyperkonvergenten oder Software-definierten Systeme nicht schlechthin den klassischen Systemen überlegen?

Michael Homborg: Nein, das kann man so nicht sagen. Es kommt immer darauf an, für welche Anwendungen und Umgebungen ein System eingesetzt werden soll. Wer über eine gut laufende IT-Landschaft mit seit Jahrzehnten bewährten Beschaffungszyklen verfügt, und in naher Zukunft keine neuen Projekte etwa im Bereich Big Data, Virtual Desktop Infrastructure oder Internet of Things plant, der ist mit klassischen Systemen bestens bedient. Wir raten unseren Kunden dann eher zu so genannten "konvergenten" Systemen, die im Grunde dem klassischen Architekturansatz folgen, aber eine Reihe von Vorteilen bieten.

Schnelle Einsatzbereitschaft bei geringem Installationsaufwand

Was macht konvergente Systeme aus?

Michael Homborg: Es handelt sich hierbei eigentlich um klassische Systemlandschaften, bei denen aber die einzelnen Komponenten - also Rechenleistung, Speicher und Netzwerk - perfekt aufeinander abgestimmt sind und die vorinstalliert und vorkonfiguriert ausgeliefert werden. Dabei können die Systemkomponenten trotzdem einzeln sehr granular skaliert werden - also mehr Server- oder Storage-Kapazitäten, je nach den Anforderungen genau zu dem Zeitpunkt, wo sie gefordert sind.

Welche Vorteile hat das für den Anwender?

Michael Homborg: Auf der einen Seite sind solche Systeme mit sehr geringem Installationsaufwand sehr schnell betriebsbereit. Auf der anderen Seite können wir einen durchgängigen Support anbieten, der das Gesamtsystem umfasst. Jeder RZ-Verantwortliche weiß um die aufwändige Installation und Konfiguration von Servern, Storage-Systemen und Netzwerk-Komponenten - besonders wenn sie von verschiedenen Hardware-Anbietern kommen. Bei Problemen wird die Verantwortung dann oft zwischen den Lieferanten der einzelnen Systeme hin- und hergeschoben. Bei unseren konvergenten Systemen übernehmen wir die Verantwortung und den Support für die gesamte Infrastruktur inklusiver aller Komponenten.

Was unterscheidet solche Systeme von hyperkonvergenten, Software-definierten Systemen oder Composable Infrastructures?

Michael Homborg: Zuerst: die Technologien sind noch relativ jung und die Begriffe nicht eindeutig definiert. Verschiedene Analysten und Anbieter benutzen unterschiedliche Bezeichnungen für gleiche oder zumindest ähnliche Systeme. Grundsätzlich geht es aber immer um hochintegrierte Systeme, in denen alle Komponenten - Server, Storage und Netzwerk - vollständig virtualisiert sind. Sie benötigen kein externes Speichernetzwerk und sind mit einer Management- und Automatisierungs-Software ausgestattet, die eine komplette Steuerung inklusive Business-Continuity-Mechanismen ermöglicht. Diese ge-clusterten Infrastrukturen werden durch das Hinzufügen weiterer Knoten skaliert.

Neuen Technologien nicht hinterherlaufen

Sind solche Systeme universell einsetzbar?

Michael Homborg: Im Grunde ja, aber sie spielen ihre Vorteile besonders in neuen, digitalen Anwendungsfeldern aus. Bei Fujitsu sprechen wir von hyperkonvergenten Systemen und bieten hier eine ganze Reihe von Ausstattungsvarianten auf Basis unserer Primeflex-Modellpalette an, die auf unterschiedliche Anwendungsszenarien ausgelegt sind.

So liefern wir komplette Systeme aus, die etwa für Big Data Szenarien, Virtual Desktop Infrastructures, IoT, Artificial Intelligence, High Performance Computing oder für speziell auf den Betrieb in cloud-hybriden Umgebungen optimiert sind. Sie empfehlen sich im Besonderen beim Aufsetzen von DevOps Projekten, bei denen es um die Softwareentwicklung von Cloud-Native Apps, zum Beispiel für Apple App Store oder Google PlayStore, geht.

Welchen Ratschlag haben sie für IT-Verantwortliche, die ihr Rechenzentrum ausbauen wollen?

Michael Homborg: Sie sollten sich nicht zu Gehetzten der neuesten RZ-Technologie machen, sondern nüchtern analysieren, wie sich ihre Anforderungen in der nahen Zukunft entwickeln werden. Es macht sicher keinen Sinn, hyperkonvergente Systeme auf Vorrat einzukaufen. Wenn keine neuen, klar definierten Digitalisierungsprojekte anstehen, sind - auch unter Kosten-/Nutzen-Aspekten - bewährte klassische oder auch konvergente Systeme oft die beste Lösung.