Digital Incubator: Je disruptiver die Technologie, desto notwendiger

am 26. November 2019
Durch die Digitalisierung unterliegen Unternehmen einem beständigen Wandel, der immer wieder neue Themen in den Fokus rückt. In unserer Serie „3 Fragen an …“ geben Experten von Fujitsu Einblicke in aktuelle Problemstellungen in der IT. In der aktuellen Folge äußert Dr. Joseph Reger zur wichtigen Rolle digitaler Inkubatoren.
Dr. Joseph Reger, Chief Technology Officer EMEIA bei Fujitsu
Dr. Joseph Reger, Chief Technology Officer EMEIA bei Fujitsu
Foto: Fujitsu

Frage: Herr Dr. Reger, Inkubatoren gelten als ideale Starthilfe für Startups, aber auch Großunternehmen - wie Fujitsu - setzen speziell im IT-Bereich auf sie. Warum?

Dr. Joseph Reger: Insbesondere Großunternehmen haben etablierte Geschäftseinheiten mit klar definierten (finanziellen) Vorgaben. Neue Technologien und Themen haben hier meist einen schweren Stand, da sie - zumindest am Anfang - diese Vorgaben nicht erfüllen können. Die Aufgabe eines Inkubators besteht daher darin, für diese neuen und teilweise disruptiven Projekte und Themen geschützte Rahmenbedingungen zu schaffen, die es ihnen ermöglichen, sich zu entwickeln und marktreif zu werden. Anfängliche Investitionen werden dabei in der Regel vom Unternehmen getragen und nicht von der einzelnen Geschäftseinheit, bei der die neuen Ansätze letztlich zum Tragen kommen sollen. Ein weiterer Aspekt ist, dass Inkubatoren über flache Hierarchien und schnelle Entscheidungswege verfügen sowie die Lizenz zum unkomplizierten Ausprobieren neuer Möglichkeiten haben.

Übergeordnetes Ziel ist es aber, nach einer definierten Inkubationsphase die neue Technologie der Marktrealität zu stellen und letztendlich in den regulären Betrieb zu übergeben. Kurz gefasst hat ein Inkubator somit drei Aufgaben:

  • den Schutz von neuen Technologien und Projekten in deren Anfangsphase

  • möglichst schnelle Marktreife

  • geordnete Übergabe an die regulären Geschäftseinheiten

Frage: Für welche Themen, Technologien und Einsatzbereiche eignen Inkubatoren sich aus Ihrer Sicht besonders - und für welche nicht?

Dr. Joseph Reger: Generell ist der Inkubator-Ansatz für alle neuen Technologien geeignet. Je disruptiver diese sind, desto notwendiger ist er. Denn wenn ein neuer Ansatz existierende Geschäftsmodelle gefährdet, sind die Widerstände dagegen in der Regel so groß, dass die Neuerungen keine realistische Chance auf Umsetzung haben. Anders sieht es dagegen bei Neuentwicklungen aus, die ohne Überlappung mit bestehenden Geschäftsfeldern zusätzliche Märkte erschließen: Hier ist ein Inkubator nicht unbedingt erforderlich.

Frage: Welche Erfahrungen hat Fujitsu mit dem Inkubator-Ansatz gemacht? Welche Knackpunkte - im Positiven wie im Negativen - gibt es?

Dr. Joseph Reger: Bei unserem "Digitalen Inkubator" hierzulande haben wir uns bewusst auf drei Kernthemen mit einem großen disruptiven Potenzial fokussiert: Künstliche Intelligenz, Blockchain und Digital Annealing, eine Brückentechnologie zum Quantencomputing. Bereits nach vergleichsweise kurzer Zeit können wir eine sehr positive Zwischenbilanz ziehen: Der Ansatz wurde schnell von den operativen Einheiten akzeptiert und geschätzt. Voraussetzung dafür war, dass wir von Vorneherein bei der Finanzplanung und -steuerung Klarheit geschaffen haben und darauf bestehen, dass Inkubatoren als eigene Cost-Center behandelt werden müssen. Jegliche Zuordnung von Profitzielen ist konträr zum Grundgedanken eines Inkubators.

Dr. Joseph Reger ist Fujitsus Chief Technology Officer (CTO) für Europa und war von 2002 an als CTO in verschiedenen Bereichen des Unternehmens tätig. Seit August 2015 ist er auch ein Fujitsu Fellow.

Als CTO berät Dr. Reger sowohl das eigene Unternehmen als auch dessen Kunden bei der Einführung von neuen Technologien. Er beschäftigt sich aktuell insbesondere mit den Themen Quantencomputing, Künstliche Intelligenz, Internet der Dinge, Industrie 4.0 und Blockchain.

Dr. Reger begann seine Karriere in der universitären Forschung in den Fächern Theoretische Physik und Informatik. Er studierte und lehrte an Universitäten in Ungarn, Norwegen, USA und Deutschland. Joseph Reger promovierte an der Universität Köln und habilitierte an der Universität Mainz.