Blockchain: Freiheit oder Fessel?

am 30. April 2018
Im Interview mit LÄUFT! entschlüsselt Dr. Rolf Werner die Bedeutung der aktuell spannendsten Datentechnologie für den unternehmerischen Alltag.

Warum sollte sich ein normales mittelständisches Unternehmen mit dem Thema „Blockchain“ auseinandersetzen?

Dr. Rolf Werner: Die schiere Existenz allein ist schon Grund genug. Denn wir haben es hier nicht mit einer vorübergehenden Mode zu tun oder mit etwas, das „nur die Großen“ etwas angeht. Das Prinzip Blockchain wird in der Datenwelt eine gewichtige Rolle spielen. Es wird unseren Umgang mit Datenbanken und Datenübertragung verändern und das in allen Bereichen und auf allen Ebenen.

Ist das nicht etwas übertrieben?

Werner: Zur Klärung eins vorweg: Bisher wird Blockchain ja vor allem deswegen wahrgenommen, weil es das technische Prinzip hinter der Kryptowährung Bitcoin ist – für die meisten also eine sehr abstrakte, fast schon irrationale Angelegenheit. Denn diese Währung ist bisher außerhalb des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Alltags angesiedelt. Deshalb meinen viele: Das ist nichts Offizielles, das kann man ignorieren.

Von der Blockchain geistern Dutzende mehr oder weniger verständliche Erklärungen und Definitionen durch die Welt. Könnten Sie uns das Thema so erklären, dass es in den unternehmerischen Alltag passt?

Werner: Das Bild von der „Kette“, der „chain“, hilft wohl am besten für das Verständnis: Wie die Glieder einer Ankerkette gleiten die in Blöcke gepackten Daten einer Übertragung durchs Netz. Entlang ihres Weges befinden sich unzählige aufmerksame Beobachter, die, unterstützt durch einen Algorithmus, Anfang und Ende der Blockchain erkennen sowie die Vollständigkeit und die Richtigkeit der Reihenfolge der einzelnen Blöcke. Während die Daten an ihnen vorüber – oder besser: durch ihre Datenprozessoren hindurch – gleiten, führen sie genau Protokoll und notieren den Vorgang unlöschbar in ihrem Hauptbuch. So lässt sich jede Transaktion als „geschehen“ nachvollziehen und in ihrer Vollständigkeit überprüfen, ob das nun eine Finanztransaktion ist, ein Steuerungsbefehl an eine Maschine oder ein Kaufvertrag.

Das bedeutet aber doch auch, dass vertrauliche Firmendaten von x-beliebig vielen anderen gesehen werden?

Werner: Nur, wenn sie nicht verschlüsselt wären. Darum spielt Kryptographie, buchstäblich, eine Schlüsselrolle bei der Blockchain. Die Beobachter können nur die äußeren Marker „lesen“, die Inhalte der Datenblöcke bleiben verborgen. Diese Marker aber garantieren, wie ein Siegel, auch die Unversehrtheit des Transportguts. Da lässt sich nichts daran unerkannt manipulieren oder verändern. Es ist also sowohl die Transaktion garantiert, wie auch der Inhalt. Mit der bemerkenswerten Folge, dass wir nicht nur den Begriff „Datenübertragung“ neu denken müssen, sondern auch „Datenbank“.

Wieso das?

Werner: Daten, die sich in der Blockchain befinden, sind im wahrsten Sinn des Wortes „entfesselt“. Sie brauchen nicht mehr an einem physischen Ort gespeichert zu werden. Sondern sie verteilen sich über eine riesige Zahl von Rechnern weltweit – und das nicht nur einfach, sondern mehrfach. Ein globales Backup sozusagen. Sie sind dort für jeden, der die Zugangscodes kennt und sich zweifelsfrei als Eigentümer der Daten ausweisen kann, jederzeit und überall verfügbar. Das ist nicht nur eine faszinierende Vorstellung für die Datenverarbeitung von morgen. Es ist auch so weit von unserem heutigen Verständnis einer Datenbank entfernt, dass es in der Tat noch schwierig ist, sich das Verfahren vorzustellen.

Wie frei sind Unternehmen in der Frage, wann sie sich mit dem Thema Blockchain befassen?

Werner: Kurzfristig besteht kein Handlungszwang – also so weit, wie Ihr Kalender an der Wand reicht. Denn noch befindet sich das Prinzip Blockchain in einem Anfangsstadium. Es dämmert erst allmählich am Horizont, welche Möglichkeiten und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Aber wir wissen: Die Geschwindigkeit, mit der sich Prozesse und Technik in der Datenwelt verändern, ist immens. Denken Sie nur mal daran, wann 3-D-Druck noch als nette Spielerei galt und in wie vielen Produkten er heute schon Standard ist. Veränderungen kommen oft viel schneller, als man sich das erwarten durfte. Deshalb ist abwarten der falsche Weg. Insbesondere dort, wo es um Datensicherheit und Verschlüsselung geht. Da heißt es schon heute, sich vorzubereiten auf einen vielleicht überraschenden Paradigmenwechsel „über Nacht“.

Zum Beispiel wie?

Werner: Indem man sich um die Sicherheit der Daten und Prozesse „vor“ und „nach“ der Blockchain kümmert. Nur weil das Verfahren neu ist, darf es nicht isoliert betrachtet werden. Die sicherste Blockchain hilft nichts, wenn die Authentifizierung der Anwender unsicher ist. Hier ist dann der Einsatz wirklich sicherer biometrischer Authentifizierungslösungen wie Handvenenscans angebracht. Bei Fujitsu befassen wir uns schon ausführlich mit diesen Themen. Das World Economic Forum jedenfalls rechnet damit, dass bis 2025 rund 10 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts über Blockchains abgebildet werden.

Man kann sich vorstellen, dass bis dahin einige Geschäftsprozesse auf den Kopf gestellt werden …

Werner: … oder ganz verschwinden. Bei der Blockchain können prinzipiell alle Aufgaben digitalisiert bzw. automatisiert werden, die bisher einen Mittelsmann erforderten. Stellen Sie sich doch mal vor, was es bedeutet, wenn eine Maschine mit einer anderen Maschine nicht nur kommuniziert, sondern auch eine Bestellung gleich bezahlt. Umso wichtiger ist es, sich schon heute auf diese Veränderungen vorzubereiten.

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